Retro Racer.

Motorradrennen auf dem Parkett der Siebzigerjahre.

War die Faszination Motorrad je größer als in den Siebzigern? Als Buben kaum achtzehnjährig den Händlern die Bude einrannten und Amateure in internationalen Rennen brillierten. Dieser Zeitgeist erwacht jetzt wieder zum Leben. Retro Racing beim Auerberg Klassik.

Der Schall eilt ihnen voraus. Ein Getöse aus Zwei- und Viertaktern. Fast hundert Jahre Motorradgeschichte als Hörspiel. Als die 175 Maschinen auf die Hauptstraße des kleinen Bergdorfes Bernbeuren abbiegen, versetzen sie die Zuschauer am Wegesrand zurück in die Vergangenheit. Aufmüpfig dröhnen die einen, die anderen haben schon auf dem Kilometer vom Fahrerlager zur Startaufstellung einen Kolbenfresser.

Für einen Augenblick gehen die Uhren rückwärts. Rennfahrer von damals sind schlagartig wieder fünfundzwanzig Jahre alt. Und junge Typen mit langen Bärten finden sich in einem Ambiente wieder, deren Aufleben sie herbeigesehnt und mitgestaltet haben. Classic Racing. Eine Szene, die einmal war und jetzt wieder sein darf. Weil früher irgendwie doch alles besser war?

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Motorradkult der Siebziger.

Motorradkult der Siebziger.

Nach mehreren Dekaden kehrt nach und nach das Renngeschehen zurück auf Berg- und Naturstrecken. Ein Revival, das den Zeitgeist zurückbringt, den Motorradverrückte in den vergangenen Jahrzehnten schmerzlich vermisst oder in einer Minderheit gepflegt und gefeiert haben. Wie viele dem Motorradkult jüngst verfallen, spiegelt sich in der Menge wider, die zum Auerberg Klassik ins Voralpenland pilgert. Männer in Schlaghosen und Lederjacke, Frauen mit Dauerwelle und knallroten Lippen. Wie fantastisch sich die Siebziger anfühlten, weiß einer ganz genau. Jakob Beck gewann 1974 als Zwanzigjähriger das Rennen am Auerberg. Es war sein erster Sieg und der Startschuss seiner internationalen Rennfahrerkarriere. „Ich fühlte mich nirgendwo so lebendig und unabhängig wie auf dem Motorrad“, sagt Jakob.

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Jenseits von Kommerz und Komfort.

Jenseits von Kommerz und Komfort.

Unbändig war sein Drang nach Freiheit. Ein Durst, den das Motorrad wie kein anderes Vehikel stillte. Freiheit hieß, sich aufs Bike zu setzen und quer durch Europa zu fahren, jenseits von Kommerz und Komfort. Freiheit hieß sportliches Fahren. Freiheit hieß, unangepasst zu sein; mit der selbst getunten Maschine zuerst Landstraßen und später Rennstrecken unsicher zu machen. Im Ohr Steppenwolfs „Born to be wild“ aus dem Kultfilm Easy Rider und beseelt vom Glauben an das große Abenteuer. Neunzehn war Jakob, als er nachts heimlich in der Garage sein gebrauchtes Motorrad von der Stange zum Renner ummodelte. Höckersitzbank, Stummellenker, Halbschalenverkleidung. Auspuffanlage und Vergaser auf Rennen getrimmt, andere Steuerzeiten. Customizing heißt das heute, Marke Eigenbau nannte man es damals.

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Und plötzlich bist Du wieder der einfache Typ im Blaumann, der als One-Man-Show die Rennstrecke erobert.

Jakob Beck

Motorradrennfahrer

Rennfahrer im Blaumann.

Rennfahrer im Blaumann.

Es war die Ära der Amateur-Rennfahrer und Hobbyschrauber, die im Do-it-yourself-Modus Siege einfuhren. Denn es kam mehr auf handwerkliches Können und den Popometer an als aufs große Geld. Entsprechend wirkt die Kulisse am Auerberg. Statt mit luxuriösen Trucks ist das Fahrerlager bis an den Rand gefüllt mit Vans und Zelten. Manche sind direkt mit der Rennmaschine angereist. Im Wartebereich vor dem Start gibt es keine professionellen Teams in Einheitskleidung und auch keine Konkurrenten. Hier treten Kumpels gegeneinander an und wer ein Problem hat oder ein Ersatzteil braucht, dem wird geholfen. Die Platzierung beim Gleichmäßigkeitsrennen ist vollkommen egal. Das einzige Muss ist der Spaß.

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Schrille Zeiten.

Schrille Zeiten.

Durch den Nebel, der über dem Tal liegt, dringen zarte Sonnenstrahlen und bringen Licht in den kühlen Herbsttag. Vorne am Start fliegt die Startnummer eins mit Gebrüll auf die Rennstrecke, beschleunigt auf der Geraden, legt sich in die erste Linkskurve, dann nach rechts, bevor sie im Waldstück des Berges verschwindet. Es wird wärmer und am Vorstart bricht Hektik aus. Temperaturänderung heißt, noch kurz die Vergasereinstellung der alten Zweitakter korrigieren. Gerade die Siebziger waren im wahrsten Sinne schrille Zeiten, denn Zweitaktmotorräder mit ihrem typischen Kreissägensound dominierten das Starterfeld. Der sonore Klang der Viertakter war in der Unterzahl.

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Rasende Hummeln.

Rasende Hummeln.

Ein großer Verfechter der Viertakter, dieser „rasenden Hummeln“, war schon damals Helmut Dähne, der 1976 mit seiner R 90 S auf der Isle of Man die Production TT gewann und nun mit jener Maschine am Auerberg steht – gekleidet in seine legendäre rote Lederkombi. Jakob, der ebenfalls auf der Isle of Man gefahren ist, unterhält sich mit ihm über die R nineT Racer, die nach dem Vorbild der R 90 S gebaut wurde und mit der Jakob heute fahren wird. Dann steht er am Start. So wie er schon 1974 hier stand. Nichts hat sich geändert. Weil sich der Berg nicht verändert. Die Startflagge geht hoch und der Boxer der R nineT Racer entfaltet seine Kraft, die auf den eminenten Steigungen noch deutlicher wird als in der Ebene.  

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Genussfahrt am Limit.

Flach liegt Jakob auf dem Tank, die Hände tief am Stummellenker hinter dem Windschild, die Füße auf den Fußrasten weit hinten. Purer Style der Siebziger. Er verschmilzt mit dem Bike, das handlich und stabil durch die Kurven gleitet. Für ihn ist es eine Genussfahrt – auch wenn der Genuss in seinem Fall am Limit beginnt. Einmal Racer, immer Racer. Rein in die letzte Kurve, rausbeschleunigen, Lichtschranke, Ziel! Dann fällt die Anspannung der höchsten Konzentration von ihm ab. Junge Menschen säumen die Straße, jubelnd und winkend. „Die Rennstrecke ist eine Bühne, und Du bist in diesem Moment der Star im Scheinwerferlicht“, sagt Jakob stolz und genießt wie die Zuschauer jede Sekunde der Zeitreise.

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R nineT Racer

Heritage

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