Lichtgestalt.

Mit Joy Lewis und der R nineT Racer durch Tokio.

Tokio ist eine Lichtgestalt – nicht nur wegen der Leuchtreklame, welche die City erstrahlen lässt. Mit knapp 38 Millionen Einwohnern ist Tokio die größte Metropolregion der Welt und hat doch nichts eines Molochs. Sie gilt gar als lebenswerteste Stadt, die sich ständig neu erfindet und längst die Zukunft der Urbanisierung lebt. Doch Tokio ist auch Vergangenheit und die Motorradszene ein schier unerschöpflicher Inspirationsquell für Customizer und Vintage-Racer.  

Grünes Licht. Immerhin das Ampelsignal zwischen all den exotischen Zeichen entspricht internationalen Gepflogenheiten. Joy Lewis beschleunigt, schaltet hoch in den zweiten Gang. Die langgezogene Linkskurve hinauf auf die Rainbow Bridge, wo sich der Verkehr auf zwei Ebenen mit je vier Spuren ausbreitet. Auf der anderen Seite der Bucht erstreckt sich Tokio im Dämmerlicht. Wolkenkratzer ragen auf, mittendrin der grellrote Tokyo Tower. Dritter Gang. Joy atmet das Lichtermeer ein. Flach duckt sie sich hinter die Halbschalenverkleidung der R nineT Racer und fliegt über die Brücke dahin. Am Ende der Rainbow Bridge links rauf auf den Zirkel. Einmal im Kreis und direkt hinein in den Kern der Stadt, das Herz der pulsierenden Metropole, die so konträr und weltentrückt anmutet: höfliche, leise Menschen auf der einen Seite, kreischende Leuchtreklame und kitschige Popmusik auf der anderen.  

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Manga-Mania am Shibuya Crossing.

Entlang winziger Einfamilienhäuser geht es durch die verwinkelten Gassen des Stadtteils Shibuya, in denen sich selbst Einheimische meist nur mit Navigation zurechtfinden. Still ist es hier, umso mächtiger der markante Sound des Boxermotors der R nineT Racer. Je näher Joy dem Bahnhof kommt, desto breiter und belebter werden die Straßen. Wo wenige Ecken vorher noch kleine Cafés, Hundefriseurläden und Hutmacher das Straßenbild prägen, sprießen jetzt hell erleuchtete Wolkenkratzer wie Ranken im Super Mario Land in den Himmel. Der Verkehr beginnt zu stocken, hier am Shibuya Crossing, eine der berühmtesten Kreuzungen der Welt. Sobald die Fahrzeuge Rot haben und der Verkehr zum Erliegen kommt, beginnt das „Crossing“. Tausende Fußgänger passieren mit jeder einzelnen Ampelschaltung gleichzeitig den Knotenpunkt auf ihrem Weg zur Arbeit, zum Shoppen, zur Party.

Chaotisch sieht das aus, dazu Megaphon-Ansagen der Polizei und Manga-Musik aus den Lautsprechern. Drei überdimensionale Leinwände an den umliegenden Gebäuden übertragen das Geschehen live. Es ist schlichtweg ein faszinierendes Schauspiel, das das geschäftige Treiben in der beengten Megametropole auf den Punkt bringt. So hat es eine profane Kreuzung unter die Top-Sehenswürdigkeiten und zum Wahrzeichen der Stadt geschafft. „Shibuya Crossing erinnert mich an New York“, sagt Joy. „Da ist es genauso verrückt, nur mit dem Unterschied, dass Du dort ständig angerempelt wirst. Hier ist dagegen jeder so vorsichtig und respektvoll.“ Trotz der Dominanz der Fußgänger muss man hier einmal entlangfahren. Zur rechten Hand reihen sich Maserati, Lamborghini und Ferrari in den Verkehr, zur linken Super Mario, Luigi und Spiderman in Karts. Die Manga-Mania ist allgegenwärtig, als wäre Tokio einem Wunderland entsprungen.

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Customizing-Zentrum am Ende der Welt.

Customizing-Zentrum am Ende der Welt.

Auch wenn Japan so fremd und eigen wirkt, so ist es doch der Nukleus der Customwelt. Die blühende Szene bringt stets aufs Neue verblüffende Kunstwerke hervor – und das seit langem. Als das Customizing-Handwerk in den Achtziger- und Neunzigerjahren in Europa und den USA fast zum Erliegen kam, hielt Japan weiterhin die Fahne hoch. Im Grunde war Customizing eine Notlösung, nachdem die Wirtschaftsblase platzte und von heute auf morgen kein Geld mehr da war. Als Customizing nach der Jahrtausendwende wieder in Mode kam, blickte die Welt nach Fernost und ließ sich inspirieren von dem, was die Japaner in den vergangenen Jahrzehnten geschaffen hatten. Ihr Hang zur Perfektion und ihr ausgeprägter Sinn für Ästhetik und Design kommen in jedem einzelnen Custombike zum Ausdruck. „Man sagt ja, dass die Japaner großen Wert auf Qualität legen. Nach allem, was ich bislang in Tokio erlebt habe, ist da viel Wahres dran“, überlegt Joy. „Ich habe einige motorradbegeisterte Jungs kennengelernt, die einfach alles über die R nineT Racer wissen wollten und sie sehr genau unter die Lupe genommen haben. Man spürt diese Liebe zum Detail.“  

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Rennen im Vintage-Look.

Daisuke Mukasa organisiert die Vintage-Racing-Serie B.O.B.L.

Rennen im Vintage-Look.

Mittlerweile eilt neben Customizing ein weiterer Trend mit großen Sprüngen voran: Vintage-Racing. Auch hier ist Japan dem Rest der Welt einige Schritte voraus. Und das, obwohl im Grunde nichts Altes da ist – abgesehen von wenigen Tempeln und Schreins. Denn sobald etwas keine Verwendung mehr hat, wird es im Handumdrehen recycelt. Der Customshop von Daisuke Mukasa ist da eine wahre Schatztruhe, bis unters Dach gefüllt mit klassischen Motorrädern und alten Komponenten. Joy kann über Daisukes Raritätensammlung nur staunen. „Es ist faszinierend, was er aus diesen alten Maschinen zaubert, sowohl technisch als auch ästhetisch.“ Die Bikes sind keineswegs nur Museumsstücke, Daisuke fährt damit die Vintage-Racing-Serie B.O.B.L. (Battle of Bottom Link), die er selbst initiiert hat. „Es ist ein gutes Gefühl, wenn man mit klassischen Motorrädern Rennen fährt und die Vergangenheit zum Leben erwacht“, sagt Daisuke. Mit der Serie wird der Rennsport wieder erschwinglich für Hobbyfahrer. Es kommt nicht so sehr auf das Material an, vielmehr auf das Können des Fahrers. Das ist Daisukes Ideal. Dafür betreibt er seine Custom-Garage. Auf kleinstem Raum hortet er Teile und Zubehör. Säuberlich aufgeräumt und beschriftet stapeln sich Kisten mit Schrauben, Muttern und Lagern in der eingezogenen Decke über dem Workshop. Der Platz ist knapp. Wie überall in Tokio.  

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Individualität auf engstem Raum.

Caravan Tokyo spiegelt den individuellen Zeitgeist der Tokioter wider.

Individualität auf engstem Raum.

Wo der Platz knapp und unvorstellbar teuer ist, werden die Lüfte erschlossen. Tokio wächst längst nicht mehr nur in die Breite. 37 der unzähligen Wolkenkratzer messen über 180 Meter, der neue Fernsehturm Tokyo Sky Tree gar 634 Meter. Dem Platzmangel ist es unter anderem auch geschuldet, dass in Tokio kaum alte Gebäude existieren. 30 Jahre, dann wird abgerissen, recycelt, nach aktuellem Stand gebaut. Schlechte Gegenden muss man in Tokio suchen; alles ist in perfektem Zustand, wohlgepflegt und auf Hochglanz poliert. Wer früher in die Stadt reiste, wird sie heute kaum wiedererkennen. Ständig definiert sie sich neu. Ständig halten neue Trends Einzug, werden in Tokio erfunden und geprägt. So verbinden auch die motorradbegeisterten Jungs von Drive Thru ihre Faszination für Fahrzeuge mit umwerfenden Customizing-Ideen. Nicht nur haben sie ihre Bikes für die B.O.B.L.-Vintage-Races von Daisuke selbst präpariert. Obendrein rücken sie zu den Rennen mit einem zum Café umgebauten Vintage-Wohnwagen an. Ein weiterer Caravan steht im hochpreisigen Omotesando mitten in Tokio, sie bieten ihn beim Booking-Portal Airbnb an. Ausgestattet mit authentischen Accessoires spiegelt der Wohnwagen die japanische Kultur wider und ist ein Paradebeispiel für den individuellen Zeitgeist, den die Tokioter leben und lieben.  

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Man sagt ja, dass die Japaner großen Wert auf Qualität und Ästhetik legen. Nach allem, was ich bislang in Tokio erlebt habe, ist da viel Wahres dran.

Joy Lewis

Lifestyle customized.

Kaffeetrinken und shoppen bei Deus Ex Machina im Stadtteil Harajuku.

Lifestyle customized.

Vielleicht schürt die Tatsache, dass in Tokio so viele Menschen auf einem Fleck zusammenleben, das Verlangen nach Individualität. Viele Läden haben das verstanden und bieten ein Konzept, das Selbstverwirklichung zulässt. Beispielsweise der japanische Ableger des amerikanischen Custom-Labels Deus Ex Machina. Joy ist begeistert, als sie den Shop betritt, der eine Mixtur aus Cocktailbar, Customgarage, Café, Surfshop und Klamottenladen ist. Gleich macht sie es sich auf einem der stylischen Sofas bequem, die Joys guter Freund, der motorradverrückte Designer Stephen Kenn aus Kalifornien, designt hat. „Deus Ex Machina kenne ich aus Los Angeles – auch wenn man hier eindeutig den japanischen Einfluss sieht und alles viel kompakter ist. Ich fühle mich ein bisschen wie zu Hause. Und jetzt sitze ich auch noch auf der Couch von Stephen“, freut sich Joy.  

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Der Wert des Handwerks.

Mit Deus Customizer Matt Roberts unterhält sich Joy Lewis über den Lifestyle der japanischen Biker.

Der Wert des Handwerks.

Dann lernt sie den Customizer von Deus kennen, Matthew Roberts. Der Australier kam 1991 für einen Schüleraustausch nach Japan. Das Land zog ihn so in den Bann, dass er 2005 komplett nach Tokio ging. „Ich schätze das Design-Verständnis der Japaner und ihre Art, sich detailliert mit den Dingen auseinanderzusetzen“, erzählt Matt. Der gelernte Industrial-Designer ist begeistert, dass seine Leidenschaft für Motorräder und Customizing heute wieder en vogue ist. „Customizing ist eine Lifestyle-Entscheidung. Dazu zählen Motorradfahren, Surfen, Skaten, Fashion und der wiederentdeckte Wert des Handwerks. Das passt perfekt zusammen, deshalb kombiniert Deus alles an einem Ort. Ein Motorrad ist ebenso wie ein Surfbrett eine Art Gefäß, das Emotionen und Gefühle trägt. Wenn man Motorrad fährt, erfüllt einen das mit Energie, Aufregung, es bringt einen persönlich weiter und mit anderen Leuten zusammen. Das ist es, was diesen Lifestyle ausmacht.“  

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Das Lichtermeer im Rückspiegel.

In Tokio findet Matt Roberts ideale Voraussetzungen, um sowohl seinen Lifestyle als auch seine Designvorstellungen auszuleben. Leicht ist es jedoch nicht, als Customizer Fuß zu fassen in einem Land, das auf diesem Gebiet die absolute Vorreiterrolle einnimmt; das getrieben ist von überhöhten Ansprüchen an sich selbst; das Ästhetik und Perfektion über alles stellt. Wer da mithalten will, muss viel leisten. So bestätigt sich das Klischee vom hart arbeitenden Japaner, dessen Leben ausgerichtet ist auf den Job. Leute wie Matt oder Daisuke setzen sich nachts auf ihre Motorräder, wenn die Straßen frei sind. Joy Lewis und die R nineT Racer tun es ihnen heute gleich. Dann fahren sie raus über die Rainbow Bridge. Im Rückspiegel das Lichtermeer Tokios. Vor ihnen der Horizont, wo um 4 Uhr morgens zartrosa Streifen am Horizont stehen, im Land der aufgehenden Sonne.  

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