Die Globetrotter-Pionierin.

Elspeth Beard und das Motorradabenteuer.

Mit dem Motorrad einmal um die Welt: Diesen Traum erfüllte sich die Engländerin Elspeth Beard vor 30 Jahren – da gab es weder Satellitennavigation, Internet noch Handys. Beard war auf dieser Abenteuerreise auf sich alleine gestellt.

Beard wählte für ihre Reise eine R 60/6 Boxer aus dem Jahr 1974. Für das Motorrad bezahlte sie 900 Pfund (1.300 Euro) – 1980 eine stolze Summe für ein Motorrad mit 48.000 km auf dem Tacho.
Zu dem Zeitpunkt war Beard 23 Jahre alt und hatte die ersten drei Jahre ihres Architekturstudiums abgeschlossen. In einer Kneipe in der Londoner Innenstadt verdiente sie 2.000 Pfund und legte das Geld für ihre Abenteuerreise zurück.
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Die Reise um die Welt hat Beards Leben geprägt.

Go West, junge Frau!

Elspeth Beard auf ihrer BMW R 60 im Jahr 1982.

Go West, junge Frau!

Die erste Etappe ihrer Reise begann in New York: „Die Luftfracht für das Motorrad kostete damals 175 Pfund und mein eigener Flug 99 Pfund", erinnert sie sich. Vom Big Apple aus fuhr sie nach Kanada, dann hinunter nach Mexiko, bevor sie auf Los Angeles zusteuerte. In LA schiffte sie sich mit ihrem Motorrad Richtung Sydney ein. In Neuseeland unterbrach sie ihre Reise um das Land zu Fuß zu erkunden, während das Motorrad weiter unterwegs war.

Sieben Monate lang blieb Beard in Sydney. Hier arbeitete sie in einem Architekturbüro um Berufserfahrung zu sammeln und ihr leeres Portemonnaie aufzufüllen. Sie verbrachte Wochen damit, sich aus gebogenen und genieteten Aluminiumblechen ein abschließbares Top-Case und Seitenkoffer zu bauen, bevor sie ihre Reise fortsetzte. Auf der Fahrt quer durch Australien hatte sie ihren ersten großen Unfall auf einer unbefestigten Straße in der Nähe von Townsville in Queensland. Die R 60 überschlug sich und Beard zog sich eine schwere Gehirnerschütterung zu. Zum Glück aber keine Knochenbrüche.

Erschüttert, aber nicht entmutigt, musste sie zwei Wochen im Krankenhaus bleiben, bevor sie Richtung Norden an die Ostküste Australiens, dann durch das Outback zurück nach Ayers Rock und schließlich quer durch die Nullabor Plain nach Perth an die Westküste fuhr. Dort ließ sie die BMW auf ein Schiff nach Singapur verladen und erkundete Indonesien, während das Motorrad auf See unterwegs war.

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Drama in Asien.

Drama in Asien.

In Singapur erlebte sie dann eine weitere Katastrophe: Ihre gesamten Wertsachen sowie der Reisepass, die Visakarten und Zulassungs- und Versandpapiere für ihr Motorrad wurden gestohlen. So war sie gezwungen, sechs weitere Wochen in dem Inselstaat zu bleiben, um sich Ersatz für alle gestohlenen Papiere zu verschaffen. Anschließend reiste sie durch Malaysia und Thailand bis Bangkok und von dort aus weiter nach Chiang Mai und zum Goldenen Dreieck.

Da die Überlandstrecke nach Indien (über Burma) nicht befahrbar war, fuhr sie zurück Richtung Süden, um das Motorrad von Penang aus nach Madras zu verschiffen. Unterwegs passierte ihr der zweite große Unfall. Hinter einem LKW rannte ein Hund hervor und lief ihr direkt vor die Räder. Ihr Motorrad prallte gegen einen Baum und Beard zog sich erneut Prellungen und Schürfwunden zu – durch ein Wunder aber keine Knochenbrüche. Anschließend verbrachte sie mehrere Tage in der Pflege der verarmten thailändischen Familie, in deren Garten sie bei dem Unfall gefahren war. „Sie sprachen kein Wort Englisch und ich konnte kein Thailändisch. Aber wir konnten uns durch Zeichensprache verständigen", erinnert sie sich.

Ihre thailändischen Gastgeber waren ganz fasziniert von der Nietpistole, mit der sie ihre ramponierten Seitenkoffer reparierte. In der Küche entdeckte Beard die Hälfte des Hundes, den sie überfahren hatte und musste feststellen, dass die Familie die andere Hälfte schon gegessen hatte. „Da verstand ich, warum sie sich so gerne um mich kümmerten: Ich hatte sie für zwei Wochen mit Essen versorgt.“

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Meinen Motorradhelm benutzte ich als Burka.

Elspeth Beard

Beard reparierte den beschädigten Motor ihrer R 60, bevor sie ihre Reise nach Penang fortsetzte. Dort begab sie sich zusammen mit dem Motorrad auf ein Schiff nach Madras. In Indien angekommen, fuhr sie nach Kalkutta und weiter nach Kathmandu, wo ihre Eltern aus England einflogen, um sie nach fast zwei Jahren das erste Mal wiederzusehen.
Sie waren schockiert, wie schmal sie aussah. Aber durch Hepatitis und Ruhr sollte sie noch mehr abnehmen. In Kathmandu traf Beard einen Holländer auf einer anderen Boxer-BMW, mit dem sie schließlich zurück nach Europa fuhr.
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Elspeth auf den Straßen Kathmandus.

Politik, Passierscheine und Reisepässe.

Die Ausreise aus Indien erwies sich als wahrer Albtraum. Gerade war der Goldene Tempel der Sikhs in Amritsar erstürmt. Die indische Premierministerin, Indira Gandhi wurde von ihrem eigenen Sikh-Leibwächter ermordet. In der Folge wurde die gesamte Region Punjab vollständig abgeriegelt und für die Einreise benötigte man einen speziellen Passierschein. Der einzige offene Landweg Richtung Westen über Pakistan führte durch den Punjab. Doch die indischen Behörden in Neu Delhi hatten es noch nicht geschafft, die notwendigen Passierscheine zu organisieren.
Immer mehr frustrierte Reisende aus dem Westen fanden sich in dieser kafkaesken Situation wieder und verbrachten Wochen damit, an einen Passierschein zu gelangen – den es nicht gab. Schließlich hatte Beard die Nase voll und fuhr zur Grenze. Sie hielt an keiner Straßensperre an. Da kein offizieller Passierschein existierte, wussten die Grenzbeamten auch nicht, wie ein solches Papier auszusehen hatte. So schaffte Elspeth es schließlich, die Grenze nach Pakistan zu überqueren – mit einem Stoßseufzer der Erleichterung.
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Vermummt im Iran.

Nachdem sie Pakistan sicher durchquert hatten, kamen Beard und ihr holländischer Begleiter im nachrevolutionären Iran an. Sieben Tage hatten sie um das Land zu durchqueren. Beard war durch Hepatitis so geschwächt, dass sie kaum stehen konnte, geschweige denn Motorrad fahren. Durch ein Leck in der Öldichtung war ihre hintere Trommelbremse außer Funktion, und auch die Kupplung funktionierte nicht mehr, da eine Feder fehlte, die sie – wenn man sie hier überhaupt hätte kriegen können – nur ein paar Cent gekostet hätte.

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An der iranischen Grenze.

Ihren stark mitgenommenen Motorradhelm der Marke Bell behielt sie die meiste Zeit als inoffizielle Burkha auf, selbst wenn sie nicht auf dem Motorrad saß, sodass die meisten dachten, sie sei ein Mann. Schließlich erreichten die beiden die türkische Grenze – nur wenige Stunden vor Ablauf ihrer Iran-Visa.

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Richtung Heimat.

Beard verbrachte einige Zeit in der östlichen Türkei, um wieder Kräfte zu sammeln und ihre treue R 60 zu reparieren. Sie hatte England als kräftige und gesunde junge Frau mit einem Gewicht von 65 kg verlassen. In der Türkei wog sie nur noch 41 kg. Nachdem sie wieder fitter war, ging die Rückreise durch Griechenland, Mitteleuropa bis nach Großbritannien recht einfach, wenn man von der berüchtigt gefährlichen "Todesstrecke" durch Jugoslawien einmal absieht.
„Das war eine zweispurige Asphaltstraße, die auf beiden Seiten unbefestigt war. Uns kam permanent ein LKW entgegen, der einen anderen LKW überholte und die gesamte Straßenbreite einnahm. Da musste man auf den unbefestigten Rand fahren. Manchmal waren es sogar drei LKW nebeneinander, sodas auch der unbefestigte Randstreifen weg fiel und man nur noch in den Graben ausweichen konnte.
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Hollywood hat für eine Verfilmung bereits bei mir angerufen.

Elspeth Beard

Als sie schließlich wieder in ihrer Heimatstadt London ankam, war sie drei Jahre lang unterwegs gewesen und hatte 56.000 km auf ihrem Tacho stehen. Sie nahm den Motor auseinander und baute ihn vollständig wieder zusammen.
Beard schloss dann ihr Architekturstudium ab und verbrachte sieben Jahre damit, einen völlig verfallenen viktorianischen Wasserturm in ein einzigartiges Wohnhaus umzubauen, während sie Vollzeit arbeitete und ihren Sohn alleine groß zog.
Nachdem sie anfänglich von dem Wasserturm aus gearbeitet hatte, baute sie sich ein eigenes Architekturbüro auf, mit dem sie inzwischen schon viele Preise gewonnen hat.
Ihre Arbeit wurde bereits in vielen Fernsehsendungen und unzähligen Zeitschriften vorgestellt. Bald erscheint ein Buch über ihre Reise und vielleicht auch ein Film – Hollywood hat bereits angerufen. Kein Wunder bei dieser Frau.
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